8.10.15 Radovis – Nicht prekär, sondern lebensgefährlich

In einem Raum ist das Dach eingestürzt, im einzig bewohnbaren Zimmer wölbt sich die Decke bereits bedrohlich. Die Unterbringung der im Juni aus Konstanz „freiwillig“ nach Mazedonien zurück gekehrten Familie K. ist nicht prekär, sondern lebensgefährlich.

Radovis ist eigentlich ein ansehnliches Städtchen in der südöstlichen Verwaltungsregion Mazedoniens. Als wir in den von Roma besiedelten Stadtteil fahren ändert sich aber dieser freundliche Eindruck. Die zentrale Straße ist von tiefen ausgewaschenen Löchern kaum zu befahren. An der Ecke stehen rund drei Dutzend Tagelöhner und warten bis jemand eine Arbeit anbietet. Die Häuser der Siedlung wirken zerfallen, notdürftig repariert oder es handelt sich um improvisierte Behausungen. Jemand von der Stadtverwaltung, so ein Rom mit dem wir auf der Straße sprechen, käme nur vorbei, um gegen illegale Stromanschlüsse vorzugehen. Verwaltungsbeamte hätten dann gleich die Polizei und einen regionalen Richter dabei, um den Mieter festzunehmen und in Haft zu bringen. Die Frauen würden dann allein mit den Kindern zurück bleiben.

Wir besuchen die Familie K., die seit Anfang Juni 2015 mit einer weiteren Roma-Familie aus dem Sammellager in der Konstanzer Steinstraße der Abschiebung durch Ausreise entging. Das baden-württembergische Innenministerium hatte einen weiteren Aufenthalt bis zum Schuljahresende mit dem zynischen Hinweis verwehrt, es wäre „zum Kindeswohl“ die Kinder der Familien nicht allzu lange aus deren gewohntem Umfeld zu reißen.

Obwohl Vater K. bei der Schulleitung war, haben die Kinder eine Schule seither nicht von innen gesehen. Die 15-jährige Tochter ist während unseres Besuchs bei der Paprikaernte eines Bauern in der näheren Region. Jugendliche haben einen noch geringeren Lohn als die Männer, die noch unten an der Straßenecke stehen. Auch Vater K. muss zuhause sitzen, während seine Tochter ein paar Euro verdient.

Er ist fahrig und zeigt uns sein größtes Problem: Die Behausung, die er von Verwandten überlassen bekommen hat ist eigentlich nicht zu bewohnen. In einem Raum ist das Dach bereits schwer beschädigt und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Rest einstürzt. Der Rest ist ein einziges Zimmer in dem fünf Menschen leben müssen. Die Behausung ist lebensgefährlich. Er zeigt uns Dachziegel im Hof, die er gegen die Feuchtigkeit noch vor Wintereinbruch auswechseln will. Doch das ganze tragende Gebälk ist eine marode Konstruktion von Kanthölzern, gestückelten Balken und Dachlatten. Auch die sanitären Anlagen sind improvisiert und außerhalb des Wohnbereichs über eine Treppe zum Hof zu erreichen. Die Wohnsituation ist unmenschlich und gefährlich. Wer hier lebt tut es, weil die Alternative die Straße ist.

Vater K. zeigt uns eine Bescheinigung des Sozialamtes, dass er kein Anspruch auf Sozialleistungen hat. Für eine Behandlung beim Kinderarzt hat er rund 20 Euro bezahlt. Die verordnete Spritze für das Kind konnte er nicht bezahlen. Fürs Erste konnten wir einige in Konstanz gesammelten Spenden übergeben. Doch diese können nicht einmal die Löcher im Gebälk stopfen. Er fragt uns wie es weiter gehen kann. Wir wissen es nicht.

Autor: Jürgen Weber; Erstveröffentlicht auf https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=1642582692681249&id=1532418137031039

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