Keine Medikamente in Bujanovac: Schlaganfall nach Ausreise

Es war kein guter Start für Familie S. aus der Konstanzer Steinstraße in Bujanovac in Südserbien. Der Vater hält Bilder von der Kernspintomographie gegen das Licht des Fensters. Sie sind vom Klinikum aus Skopje im nahen Nachbarland Mazedonien. Auf dem Sofa liegt die Großmutter der Familie S., die nur eine Woche nach den Strapazen der „freiwilligen“ Ausreise nach Serbien einen Schlaganfall erlitten hat. Die 57-jährige kann aufgrund des Schlaganfalls nicht mehr sprechen und halbseitige Lähmungserscheinungen verhindern, dass sie selbstständig zur Toilette oder auch nur aufstehen kann. Sie ist ein Pflegefall, die ganze Familie hilft.

Der Runde Tisch zur Begleitung von Flüchtlingen der Stadt Konstanz hatte aufgrund der chronischen Erkrankung und eines Notfalls der Frau bereits zu Jahresbeginn in Konstanz um die Aussetzung der Abschiebung ersucht. Anfang Juni musste sie aber mit der Familie ausreisen. Die Alternative zur Ausreise wäre die polizeiliche Abschiebung gewesen. Mehr wollten die Behörden nicht zugestehen obwohl die Richtlinien des baden-württembergischen Innenministeriums in solchen Fällen ein Abschiebehindernis auf dem Papier anerkennen. Sicher wird nun ein unmittelbarer Zusammenhang des Schlaganfalls mit der Ausreise bestritten werden. Die zeitliche Nähe ist aber nicht von der Hand zu weisen und die Folgen für die Frau und die Familie sind nun existenziell.

Familie S. hat sich in der Roma-Siedlung eine einfache Wohnung mit zwei Zimmern gemietet. Die pflegebedürftige Oma kann auf dem Sofa im Wohnbereich gepflegt und ebenerdig auf die Toilette gebracht werden. Herr S. kann gelegentlich bei Holzsägearbeiten aushelfen. Das ist in der strukturschwachen Region als Rom schon ein Glücksfall. Sozialleistungen stehen der Familie nicht zu. Die Miete kann derzeit nur durch Spenden aus Konstanz bezahlt werden. Wenn diese in wenigen Monaten aufgebraucht sind steht die Familie praktisch vor dem aus. Schon jetzt kann die Familie nicht einmal die Blutdruck senkenden Medikamente für die Großmutter bezahlen. Der Bluthochdruck ist ursächlich für den Schlaganfall der Frau. Sie ist derzeit medikamentös nicht versorgt.

Ohne Lehrmittel keine Schule

Nicht alle Kinder der Familie und einer weiteren, die in diesem Sommer aus dem Gemeindegebiet von Hilzingen (Landkreis Konstanz) „freiwillig“ nach Bujanovac zurück gekehrt sind, können derzeit die Schule besuchen. Die Schule besteht auf den Erwerb der Lehrmittel zum Unterrichtsbesuch. Dies sind mehrere Schulbücher und weitere Materialien. Diese finanzielle Hürde ist für die meisten Roma-Familien zu hoch. Derzeit geht ein Sohn der aus Hilzingen abgereisten Familie in die vierte Klasse. Das Kind wurde in Deutschland eingeschult und hat nun große Schwierigkeiten. Der Junge erklärt uns in bestem Deutsch, dass er Probleme habe die Sprache und das kyrillische Alphabet zu verstehen und dem Unterricht zu folgen. Auch kommt er mit den Diskriminierungen und der Ausgrenzung nicht klar, die er aus den deutschen Schulen nicht kennt. An diesem Beispiel wird die ganze Absurdität deutscher Rückführungs- und Abschiebepolitik deutlich. Fünf Jahre war die Familie in Deutschland. Der Junge war integriert und hat in Bujanovac keine Zukunft.

http://www.esPRESSo-Blog.eu,  Jürgen Weber

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