Petition „Bleiberecht für Istvan Farkas“

2015-09 farkas3 Petition im Landtag eingereicht – Unterstützen Sie die Online-Petition!

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Istvan Farkas ist ein 52-jähriger politisch aktiver Roma aus Serbien. „Ich bin kein Asylbewerber zweiter Klasse“ schrieb er auf ein Schild, als er im September 2015 vor der Geschäftsstelle des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg demonstrierte. An diesem Tag und bei vielen anderen Veranstaltungen prangerte Istvan Farkas laut und öffentlich die Diskriminierung von Roma in Serbien und überall in Europa an. Im August 2013 floh er nach Deutschland und stellte einen Asylantrag. Er wollte als politischer Flüchtling anerkannt werden und legte eine ausführliche Begründung vor. Doch auch sein Asylantrag wurde als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt. Selbst reichte er Klage und Eilantrag beim Verwaltungsgericht Sigmaringen ein und legte eine umfangreiche Begründung vor. Doch das VG Sigmaringen stellte im Oktober das Gerichtsverfahren ohne Verhandlung ein. Jetzt ist Istvan Farkas akut von Abschiebung bedroht. Auch Serbien wurde im November 2014 zum „sicheren Herkunftsstaat“ erklärt.

Mit Ihrer Unterschrift unterstützen Sie eine Petition an den Landtag von Baden-Württemberg mit fast gleichem Wortlaut wie diese Online-Petition. Die Unterzeichner/innen wollen erreichen, dass Herr Farkas nicht nur vor einem Leben in Obdachlosigkeit im Winter, sondern auch vor weiterer rassistischer Diskriminierung und einem perspektivlosen Leben in Serbien bewahrt wird.

Interview mit Istvan Farkas: „Der einzige Grund ist, dass ich Roma bin“: 2016-01 Informationen Petition Farkas oe
Facebookseite von Istvan Farkas (Serbisch): https://www.facebook.com/Dokumenti-slam-za-emigranta-720803584665488/ oder https://www.facebook.com/slam1236

 

9.10.15 – Besuch bei Familie G. in Westmazedonien

Von Südmazedonien fahren wir in den Nordwesten des Landes. Wir erreichen eine kleine Stadt, die sehr idyllisch zwischen Bergen und Seen liegt. Hier könnte man sich auch gut vorstellen Urlaub zu machen.
Familie G. empfängt uns herzlich in ihrem Haus und erzählt über ihre Zeit in Deutschland und ihrer Lebenssituation vor Ort. Zwölf Jahre hätten sie insgesamt in Deutschland gelebt und ihr jüngster Sohn sei sogar in Deutschland geboren worden (die beiden anderen Kinder waren vier und fünf Jahre alt, als sie nach Deutschland geflüchtet sind). Besonders für die Kinder sei die Abschiebung ein schlimmes Ereignis gewesen. Sie gingen in Deutschland zu Schule, hatten deutsche Freunde und kannten das Leben in Mazedonien kaum. Der ältere Sohn erzählt uns, er habe nach der Abschiebung ein halbes Jahr lang das Haus nicht verlassen. Er kannte niemanden, hatte Angst vor Übergriffen und sprach nur schlecht mazedonisch und kein albanisch. Wir sind schockiert über Geschichten wie diese (die es leider zu tausenden gibt). Ein Land das Probleme mit dem demographischen Wandel hat und Fachkräfte sucht, schiebt gut integrierte Kinder ab die jahrelang gute Schüler_innen in Deutschland gewesen sind.

Anschließend führt uns der Vater der Familie durch seine Stadt. Er zeigt uns den Markt, Kirchen, aber auch Gaststätten die nicht von Roma besucht werden dürfen. Als es dunkel wird, führt er uns zu einem abgebrannten Haus hinter dem drei Zelte stehen. Drei Romafamilien müssten nun in Zelten leben, seitdem ihr Haus abgebrannt sei. Ein Mann öffnet eines der Zelt und spricht uns auf Deutsch an. Er erzählt von seiner Zeit als Asylbewerber in Dresden und seiner Angst vor dem bevorstehenden Winter. Seine Bemühungen als Roma ohne Geld eine kleine Wohnung durch die Gemeinde zu erhalten, seien leider nutzlos gewesen und er wisse nicht was er machen soll, wenn es wirklich kalt wird (hier sinken die Temperaturen im Winter bis auf -20 Grad) . Mehrfach bittet er uns darum in Deutschland über seine Geschichte zu berichten.
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8.10.15 Radovis – Nicht prekär, sondern lebensgefährlich

In einem Raum ist das Dach eingestürzt, im einzig bewohnbaren Zimmer wölbt sich die Decke bereits bedrohlich. Die Unterbringung der im Juni aus Konstanz „freiwillig“ nach Mazedonien zurück gekehrten Familie K. ist nicht prekär, sondern lebensgefährlich.

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8.10.15 Bansko – „Unsere Kinder sind nicht geistig behindert“

Schon bei meinem letzten Besuch 2014 gab es Probleme um die Aufnahme in die örtliche Schule der Mädchen der Familie O. Die Familie wurde im Mai 2014 ohne Ankündigung aus der Konstanzer Steinstraße abgeschoben. Eltern und vier Mädchen wurde unter traumatischen Umständen mitten in der Nacht abgeholt. Die Polizei hatte in „Amtshilfe“ vom Landratsamt Konstanz die Schlüssel zum Zimmer der Familie in der Sammelunterkunft erhalten und Eltern und Kinder im Schlaf überrascht. 20 Minuten zum Packen. In den Konstanzer Schulen hieß es zunächst, die Familie sei abgereist ohne sich zu verabschieden. Freundinnen und Freunde der Kinder waren enttäuscht. Neun Stunden nach der polizeilichen „Nacht- und Nebelaktion“ stand die Familie am Flughafen der Landeshauptstadt Skopje und abends vor der Türe von Verwandten in Bansko. (Siehe auch Beitrag „Die langen Schatten einer Abschiebung“, demnächst hier zu lesen). Weiterlesen 8.10.15 Bansko – „Unsere Kinder sind nicht geistig behindert“

8.10. Besuch bei Familie F. in Strumica

„Ich möchte ganz normal leben und meine Rechnungen zahlen können“ (Herr F., 47 Jahre alt)

Die 40.000 Einwohner/innen zählende Stadt Strumica im Südosten des Landes gilt als eine der schönsten und lebendigsten Städte des Landes. Im Umland werden vor allem Paprika und Tabak angebaut, weil sie dort besonders gut gedeihen. Doch auch diese Region ist von der Wirtschaftskrise betroffen. Die allgemeinen Lebensverhältnisse haben sich verschlechtert. Bei einer Arbeitslosigkeit von 67 Prozent unter den jungen Menschen (vgl. Die Welt vom 6.8.2015) will praktisch jede/r weg. In der Stadt Strumica leben auch viele Roma, die meisten von ihnen in einem ärmlichen Stadtteil rund um die Kirche Sveti Petnaest. Dort besuchten wir die Familie N. Diese war bereits von 1988 bis 1994 als Asylsuchende in Deutschland. Zwei der drei Kinder sind in Deutschland geboren. Im Jahr 1992 beteiligten sie sich an der Besetzung der Tübinger Stiftskirche, um ein Bleiberecht in Deutschland zu erreichen. Zuletzt suchten sie im Mai 2014 erneut Schutz in Deutschland. Sie lebten in Nürtingen bis sie im Mai 2015 wieder zur „freiwilligen Ausreise“ gezwungen waren. Die Familie erhält vom mazedonischen Staat monatlich 27 Euro Sozialhilfe (3 Personen). Die Stromrechnung beläuft sich auf ca. 50 Euro. Ohne Unterstützung von außen könnten sie nicht überleben.

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7.10. Besuch bei Familie M. in Skopje

Wie leben Roma in Mazedonien? In Skopje besuchten wir am Morgen des 7.10. Verwandte unseres Übersetzers M. Diese leben in einem Stadtteil in der Nähe des Zentrums, wo hauptsächlich Roma leben. Das Haus hat zwei Zimmer und eine offene Küche / Wohnzimmer. Herr M. wohnt dort mit seiner Frau, seinem Bruder und seiner Mutter. Herr M. ist 49 Jahre alt. In jungen Jahren konnte er seinen Lebensunterhalt als Musiker verdienen. Jetzt ist er nach einem Herzinfarkt vor 5 Jahren und einer chronischen Nierenkrankheit nicht mehr arbeitsfähig. Jeden zweiten Tag muss er zur Dialyse ins Krankenhaus. Monatlich erhält Herr M. 50 Euro Sozialhilfe. Die Dialyse-Medikamente, die er braucht, kosten monatlich ebenfalls 50 Euro. Für das Holz zum Heizen fehlt das Geld und der Winter steht bevor.

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„Sinti und Roma“ – Über was reden wir überhaupt?

Die Begriffe „Sinti“ und „Roma“ sind vielen Menschen bekannt, sie werden oft in einem Atemzug genannt. In Gesprächen wird jedoch häufig deutlich, dass nur wenige Menschen eine klare Vorstellung darüber haben, welche Volksgruppen diese Begriffe umfassen und woher sie kommen.

Bisherige Forschungen ergaben, dass Sinti und Roma bereits vermutlich zwischen 800 und 1000 nach Christus zur Auswanderung aus ihrer Heimat in Nordwestindien gezwungen wurden, nachdem der afghanische Fürst Mahmud von Ghazni die Regionen Panjab, Sindh und Rajastan erobert hatte und die nun ankommenden arabischen Volksstämme das Land für sich beanspruchten. „Sinti“ beschreibt die Herkunft aus Indien, während „Roma“ in der Sprache der Sinti und Roma einfach „Mensch“ bedeutet. Weiterlesen „Sinti und Roma“ – Über was reden wir überhaupt?

4.10. Familie B. in Novi Knezevac: Bedrohung durch Nationalisten

Die erste Station unserer Reise führte uns in ein Dorf in der Nähe von Novi Knezevac in der Vojvodina. Von dort stammt Familie B. Bereits im Jahr 1990 floh die junge Familie mit der damals einjährigen Tochter nach Deutschland. Der Vater stammt aus dem Kosovo, ist Muslim und Roma und hat den Kriegsdienst verweigert. Nach der Abschiebung im Jahr 1997 konnten sie mit der Hilfe von deutschen Unterstützern ein kleines Haus in einem Dorf an der ungarischen Grenze kaufen. Zur Zeit sind sie erneut als Asylsuchende in Deutschland, das Asylverfahren ist aber wieder negativ abgeschlossen und die Ausreise/Abschiebung steht kurz bevor. In dem Dorf gibt es eine rechtsnationalistische serbische Gruppierung, die vor allem Muslime und Roma drangsaliert und bedroht. Im Sommer 2015 wurde ein Roma bei einem gewalttätigen Übergriff dieser Gruppe so schwer verletzt, dass er zwei Wochen im Koma lag und jetzt behindert ist. Auch der Familienvater B. und der Sohn A. wurden in der Vergangenheit mehrfach von dieser Gruppe („Nazis“) angegriffen. Dem Vater wurden die Zähne ausgeschlagen, der Sohn (der Musiker ist) wurde  nach einem Konzert im Sommer 2014 zusammengeschlagen. Im Haus der Familie gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Als die Familie im Jahr 2010 das Land verließ, wurde der Strom abgestellt. Ein Neuanschluss kostet ca. 2.000 Euro.

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