8.10.15 Bansko – „Unsere Kinder sind nicht geistig behindert“

Schon bei meinem letzten Besuch 2014 gab es Probleme um die Aufnahme in die örtliche Schule der Mädchen der Familie O. Die Familie wurde im Mai 2014 ohne Ankündigung aus der Konstanzer Steinstraße abgeschoben. Eltern und vier Mädchen wurde unter traumatischen Umständen mitten in der Nacht abgeholt. Die Polizei hatte in „Amtshilfe“ vom Landratsamt Konstanz die Schlüssel zum Zimmer der Familie in der Sammelunterkunft erhalten und Eltern und Kinder im Schlaf überrascht. 20 Minuten zum Packen. In den Konstanzer Schulen hieß es zunächst, die Familie sei abgereist ohne sich zu verabschieden. Freundinnen und Freunde der Kinder waren enttäuscht. Neun Stunden nach der polizeilichen „Nacht- und Nebelaktion“ stand die Familie am Flughafen der Landeshauptstadt Skopje und abends vor der Türe von Verwandten in Bansko. (Siehe auch Beitrag „Die langen Schatten einer Abschiebung“, demnächst hier zu lesen). Weiterlesen 8.10.15 Bansko – „Unsere Kinder sind nicht geistig behindert“

8.10. Besuch bei Familie F. in Strumica

„Ich möchte ganz normal leben und meine Rechnungen zahlen können“ (Herr F., 47 Jahre alt)

Die 40.000 Einwohner/innen zählende Stadt Strumica im Südosten des Landes gilt als eine der schönsten und lebendigsten Städte des Landes. Im Umland werden vor allem Paprika und Tabak angebaut, weil sie dort besonders gut gedeihen. Doch auch diese Region ist von der Wirtschaftskrise betroffen. Die allgemeinen Lebensverhältnisse haben sich verschlechtert. Bei einer Arbeitslosigkeit von 67 Prozent unter den jungen Menschen (vgl. Die Welt vom 6.8.2015) will praktisch jede/r weg. In der Stadt Strumica leben auch viele Roma, die meisten von ihnen in einem ärmlichen Stadtteil rund um die Kirche Sveti Petnaest. Dort besuchten wir die Familie N. Diese war bereits von 1988 bis 1994 als Asylsuchende in Deutschland. Zwei der drei Kinder sind in Deutschland geboren. Im Jahr 1992 beteiligten sie sich an der Besetzung der Tübinger Stiftskirche, um ein Bleiberecht in Deutschland zu erreichen. Zuletzt suchten sie im Mai 2014 erneut Schutz in Deutschland. Sie lebten in Nürtingen bis sie im Mai 2015 wieder zur „freiwilligen Ausreise“ gezwungen waren. Die Familie erhält vom mazedonischen Staat monatlich 27 Euro Sozialhilfe (3 Personen). Die Stromrechnung beläuft sich auf ca. 50 Euro. Ohne Unterstützung von außen könnten sie nicht überleben.

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7.10. Besuch bei Familie M. in Skopje

Wie leben Roma in Mazedonien? In Skopje besuchten wir am Morgen des 7.10. Verwandte unseres Übersetzers M. Diese leben in einem Stadtteil in der Nähe des Zentrums, wo hauptsächlich Roma leben. Das Haus hat zwei Zimmer und eine offene Küche / Wohnzimmer. Herr M. wohnt dort mit seiner Frau, seinem Bruder und seiner Mutter. Herr M. ist 49 Jahre alt. In jungen Jahren konnte er seinen Lebensunterhalt als Musiker verdienen. Jetzt ist er nach einem Herzinfarkt vor 5 Jahren und einer chronischen Nierenkrankheit nicht mehr arbeitsfähig. Jeden zweiten Tag muss er zur Dialyse ins Krankenhaus. Monatlich erhält Herr M. 50 Euro Sozialhilfe. Die Dialyse-Medikamente, die er braucht, kosten monatlich ebenfalls 50 Euro. Für das Holz zum Heizen fehlt das Geld und der Winter steht bevor.

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7.10. Tabanovce / Mazedonien: Wir haben unsere Kleiderspenden an Transitflüchtlinge verteilt

Tabanovce, Mittwoch 7.10.2015, 12.00 Uhr

Kurz nach 12 Uhr kommt ein Zug sowie zahlreiche Busse und Taxis in Tabanovce an. Insgesamt handelt es sich nach Angaben des mazedonischen Roten Kreuzes um ca. 10.000 Flüchtlinge. Im Rahmen unseres Reiseprojekts „Roma haben kein sicheres Herkunftsland“ haben wir im Vorfeld der Reise Kleiderspenden für die Transitflüchtlinge gesammelt. Mit zwei Kleinbussen haben wir diese bis nach Mazedonien transportiert, mit erheblichen Schwierigkeiten beim Grenzübertritt nach Mazedonien. Am Bahnhof von Tabanovce wurde uns erlaubt, die Kleider direkt vor Ort zu verteilen. Wir kamen keine Minute zu früh. Unmittelbar nach unserer Ankunft kam auch der Zug mit den Flüchtlingen. Diese nahmen die Kleiderspenden dankbar an. Bedarf bestand vor allem an Schlafsäcken, Jacken, Schuhen und Kinderkleidung aller Art. Viele Flüchtlinge haben keine guten Schuhe. Ein Mitglied unserer Gruppe verschenkte auch seine eigenen Turnschuhe an einen jungen Syrer, der nur Schlappen trug. Nach einer halben Stunde war unser Bus vollständig leer. Außer dem mazedonischen Roten Kreuz, das vor Ort in Tabanovce medizinische Erstversorgung leistet, ist dort auch eine kleine Gruppe von Ehrenamtlichen aus dem nahegelegenen Kumanovo aktiv. Seit drei Monaten verteilen diese Menschen täglich Kleiderspenden an die Flüchtlinge. Eine Frau berichtete uns, dass sie täglich 15 Stunden lang im Einsatz für die Flüchtlinge ist. Menschenrechtspreisverdächtig! Für den späteren Nachmittag wurde die Ankunft eines weiteren Zuges in Tabanovce angekündigt.

Mehr Informationen über die Situation an den Grenzen: http://balkanroute.bordermonitoring.eu/

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„Sinti und Roma“ – Über was reden wir überhaupt?

Die Begriffe „Sinti“ und „Roma“ sind vielen Menschen bekannt, sie werden oft in einem Atemzug genannt. In Gesprächen wird jedoch häufig deutlich, dass nur wenige Menschen eine klare Vorstellung darüber haben, welche Volksgruppen diese Begriffe umfassen und woher sie kommen.

Bisherige Forschungen ergaben, dass Sinti und Roma bereits vermutlich zwischen 800 und 1000 nach Christus zur Auswanderung aus ihrer Heimat in Nordwestindien gezwungen wurden, nachdem der afghanische Fürst Mahmud von Ghazni die Regionen Panjab, Sindh und Rajastan erobert hatte und die nun ankommenden arabischen Volksstämme das Land für sich beanspruchten. „Sinti“ beschreibt die Herkunft aus Indien, während „Roma“ in der Sprache der Sinti und Roma einfach „Mensch“ bedeutet. Weiterlesen „Sinti und Roma“ – Über was reden wir überhaupt?

6.10.15 Probleme an der serbisch-mazedonischen Grenze

Nach unseren Informationen wird gerade in Tabanovce (Mazedonien) dringend Winterkleidung für Transitflüchtlinge benötigt. Also hoffen wir, unsere gespendeten Kleider ohne größere Probleme nach Mazedonien bringen zu können. Mazedonien lässt uns mit den Kleidern aber nicht einreisen und nach Serbien dürfen wir mit den Kleidern auch nicht mehr zurück kehren. Nach vier Stunden im Niemandsland zwischen beiden Ländern, entscheiden wir uns schweren Herzens ein Teil der Kleidung dort stehen zu lassen. Wir sind schokiert und wütend über die Herzlosigkeit der Grenzer. Besonders, als wir am nächsten Tag sehen, wie dringend diese Kleider benötigt werden.

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Novi Sad

Novi Sad ist die Hauptstadt der Vojvodina. In dieser modernen und lebendigen Stadt an der Donau bezogen wir am Abend des 5. Oktober unser Nachtquartier. Bummel durch die historische Altstadt, Weg zur Donau nicht gefunden. Gutes  Essen in einem kleinen Lokal im Zentrum, dann noch ein Absacker in der Hotellobby, Duschen und den verdienten Schlaf genießen. Morgen gehts weiter an die serbisch-mazedonische Grenze. Dort wollen wir Flüchtlingen unsere Kleiderspenden bringen und uns später in Skopje mit unserer zweiten Reisegruppe treffen.

5. 10. Horgos/Röske Eindrücke von der serbisch-ungarischen Grenze

Es ist ein komisches und unwirkliches Gefühl hier zu stehen und zu wissen, dass vor wenigen Tagen noch tausende geflüchtete Menschen auf diesen Schienen unterwegs waren. Auf dem Weg in Richtung EU und mit der Hoffnung dort Sicherheit zu finden. Nun ist der Grenzübergang für sie geschlossen und durch den ungarischen Grenzzaun abgeriegelt. Weiterlesen 5. 10. Horgos/Röske Eindrücke von der serbisch-ungarischen Grenze

4.10. Familie B. in Novi Knezevac: Bedrohung durch Nationalisten

Die erste Station unserer Reise führte uns in ein Dorf in der Nähe von Novi Knezevac in der Vojvodina. Von dort stammt Familie B. Bereits im Jahr 1990 floh die junge Familie mit der damals einjährigen Tochter nach Deutschland. Der Vater stammt aus dem Kosovo, ist Muslim und Roma und hat den Kriegsdienst verweigert. Nach der Abschiebung im Jahr 1997 konnten sie mit der Hilfe von deutschen Unterstützern ein kleines Haus in einem Dorf an der ungarischen Grenze kaufen. Zur Zeit sind sie erneut als Asylsuchende in Deutschland, das Asylverfahren ist aber wieder negativ abgeschlossen und die Ausreise/Abschiebung steht kurz bevor. In dem Dorf gibt es eine rechtsnationalistische serbische Gruppierung, die vor allem Muslime und Roma drangsaliert und bedroht. Im Sommer 2015 wurde ein Roma bei einem gewalttätigen Übergriff dieser Gruppe so schwer verletzt, dass er zwei Wochen im Koma lag und jetzt behindert ist. Auch der Familienvater B. und der Sohn A. wurden in der Vergangenheit mehrfach von dieser Gruppe („Nazis“) angegriffen. Dem Vater wurden die Zähne ausgeschlagen, der Sohn (der Musiker ist) wurde  nach einem Konzert im Sommer 2014 zusammengeschlagen. Im Haus der Familie gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Als die Familie im Jahr 2010 das Land verließ, wurde der Strom abgestellt. Ein Neuanschluss kostet ca. 2.000 Euro.

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